Weil ich eben doch nicht hier her gehöre…

Es ist kalt. Mal wieder. Es weht ein eisiger Wind durch die Straße. Mal wieder. Ich stehe auf dem Balkon, starre in die Gegend und fühle mich einsam. Mal wieder..

Es ist ein dreiviertel Jahr her, seit ich das Weite gesucht habe und hier hoch gezogen bin, auf der Suche nach neuen Abenteuern, Aufgaben, einem neuen Sinn. Und vielleicht auch auf der Suche nach mir selbst. Wenn ich so darauf zurückschaue, hat sich kaum etwas verändert. Ich bin nach wie vor irgendwie neu hier. Und gefunden habe ich mich auch kein Stück. Im Gegenteil, ich habe mich sogar irgendwie noch ein bisschen mehr verloren...

Diese Tage häufen sich. Die Tage, an denen ich einfach gedankenverloren auf meinem Balkon stehe und versuche mich zu erinnern, warum ich hier her gekommen bin. Ich weiß es nicht mehr... Warum bin ich so weit weg gezogen, statt in der Heimat zu bleiben? Ich weiß es nicht. Was hat mich geritten alleine wegzugehen? Wie geht es weiter? Bin ich hier oben glücklich? Gehöre ich hier her? ...ich weiß es nicht.

Es hat nicht sehr lang gedauert, da war ich schon komplett in meinem Alltagstrott. Man geht halt arbeiten, davor oder danach zum Sport und am Wochenende wird der Haushalt gemacht. Hier und da trifft man sich vielleicht mal mit einer Freundin auf Caipis in der Stadt, aber das kommt so selten vor, dass es beinahe schon irrelevant ist. Soziale Kontakte? Fehlanzeige. Zugegeben bin ich damit nicht ganz unglücklich, denn Menschen waren noch nie so wirklich meine Stärke. Man bezeichnete mich einmal sehr liebevoll als "geselligen Einzelgänger". Nach wie vor ziemlich treffend. Und doch häufen sich die Tage, vor allem Abende, an denen ich mir eine Person wünsche, die Teil meiner abgeschotteten Welt ist. Dabei kommt es nicht mal wirklich darauf an, ob es sich hier um eine beste Freundin, einen Partner oder einen Freund handelt. Einfach nur jemand, mit dem man gelegentlich abends zusammen kochen oder fernsehen kann, am Wochenende mal zum Strand raus fährt oder zusammen frühstückt. Jemand, der mein Stillschweigen bricht. Ein bisschen Leben in der Wohnung. Irgendwas, das mein festgefahrenes Dasein aus dem Rhythmus bringt.

Es hat nie wirklich viele Menschen in meinem Leben gegeben. Und die Freundinnen, die ich als solche bezeichnen würde, sind nicht nur auf der halben Welt verstreut, sondern werden auch zusehends weniger. Es fällt schwer jemanden gehen zu lassen, mit dem man schon so viele Jahre befreundet ist. Doch wenn man irgendwann an den Punkt kommt, an dem man nichts mehr hat, worüber man sich noch unterhalten kann, weil sich die Interessen einfach zu weit auseinander entwickelt haben, dann wird jedes Gespräch nur noch zur Pflichveranstaltung. Und nachdem nun mehrfach abgesagt wurde, weil keine Zeit oder halt doch was besseres vor, dann wird es langsam aber sicher Zeit, Abschied zu nehmen. Früher waren wir unzertrennlich. Heute scheint es fast unmöglich, uns auf einen Nenner zu bringen. Das ist der Lauf der Zeit... Und mit jedem Menschen, der geht, geht ein kleines Stück von mir selbst.

Mir pfeift nach wie vor der Wind um die Ohren. Was will ich eigentlich hier draußen?! Man könnte meinen, die paar Meter Freiraum vor diesem Haus geben mir ein bisschen das Gefühl von Freiheit. Aber auch nur ein bisschen... Mein Blick schweift durch die Straße. Es gefällt mir hier. Ich bin gern hier hoch gezogen. Doch bin ich glücklich hier?

Glücklicher, als ich es vorher war? - Die Antwort verkneife ich mir. Fakt ist jedenfalls, dass ich all das losgeworden bin, was mich dazu bewegt hat aus meiner heimatlichen Umgebung wegzugehen. Wenigstens das hat funktioniert. Nur stelle ich mir mittlerweile die Frage, ob es wirklich nötig war so weit wegzuziehen. Wahrscheinlich hätte es Dresden auch getan. Aber wer weiß schon, ob ich dort nicht die gleichen Probleme gehabt hätte, wie hier. Verfahrene Situationen sind ja scheinbar voll mein Ding...

Ich hatte nie Probleme mich einer neuen Umgebung anzupassen und dort klar zu kommen. Jedoch habe ich es auch nirgendwo wirklich lange ausgehalten. Und wie es scheint, habe ich diesen Punkt so allmählich wieder erreicht. Es gibt einfach nichts und niemanden, der mich hier hält. Und wenn ich von einem auf den anderen Tag weg wäre, würde es wohl auch niemanden wirklich interessieren. Und mich auch nicht...

Dieser Ort ist kein Zuhause für mich. Er ist der Ort, an dem ich wohne und arbeite. Zum leben fahre ich immer wieder weg. Es ist nicht mehr und nicht weniger als mein Aufenthaltsort... aber es wird wohl nie mein Zuhause werden.