Viva Brazil

Ich kann gar nicht genau sagen, wie viele Jahre ich schon von diesem Moment träume. Brasilien war immer etwas ganz Besonderes für mich. Ein Land wie kein anderes. Ein Ort, so anders und so weit weg, dass ich kaum daran zu denken wagte, tatsächlich ein mal dort hin zu kommen. Und nun stehe ich am Galeão International Airport, warte auf mein Uber zur Unterkunft und versuche zu begreifen, dass ich wirklich hier bin. Rio de Janeiro. WOW!

Der Traum ein mal Brasilien zu sehen ist ein ganzen Stück realistischer geworden, seit ich durch mein Jahr in den USA so viele Brasilianerinnen kennengelernt habe, die mich nicht nur direkt eingebürgert, sondern auch herzlich eingeladen haben und mindestens genau so aufgeregt waren, wie ich es bin, als meine Flüge endlich gebucht waren. Bis ich jedoch nächste Woche in Sao Paulo wieder bekannte Gesichter sehe, wartet nun erst mal eine spannende Woche Rio auf mich. Und meine To-Do-List ist ziemlich lang!

Sonntag, 24.03.2019

Charly steht 5:30 Uhr morgens ziemlich müde und verpeilt am Hamburger Flughafen - so weit nichts Ungewöhnliches. Mit einem 3h-Zwischenstop in London flog mich British Airways also nach Rio de Janeiro. Je älter man wird, desto anstrengender erscheinen diese langen Flugstrecken - oder geht das nur mir so?

Um 21:00 Uhr erreichte ich schließlich mein AirBnB, hoch oben auf einem Hügel, in einer Favela oberhalb des Stadtteils Lagoa. Mit großen Plänen für den nächsten Tag ging es ziemlich direkt ins Bett.

Da war ich nun also. Rio de Janeiro. So richtig begriffen hatte ich es immer noch nicht, als ich 6:00 morgens (dank innerer Uhr) wieder aus dem Dornröschenschlaf erwachte.
 In der Regel nehme ich mir an jedem Ort den ersten Tag Zeit, um einen groben Überblick über die Stadt zu bekommen. In diesem Fall wohl im wahrsten Sinne des Wortes. Nach dem Aufstehen ging es auf direktem Wege nach Barra da Tijuca, ca. 30min außerhalb vom Zentrum Rios. Dieser Urlaub würde ausnahmsweise nicht mit dem Highlight enden, sondern beginnen. 

Rio Helicopter Ride

Seit ich von den Rio Helikopter Touren gehört hatte, stand für mich fest, dass auch ich mir dieses einmalige Erlebnis nicht entgehen lassen würde. Für 130 Euro pro Person sicher kein günstiger Spaß, jedoch definitiv jeden Penny wert! 
Wer wollte nicht schon immer mal Heli fliegen?! Und dazu noch bei strahlend blauem Himmel über eine der bekanntesten Städte der Welt! Ich flog mit zwei Mädels aus Toronto für 30min über die ganze Stadt, vorbei am Zuckerhut, der Christusstatue, Ipanema und Copacabana Beach. Es ist ein unglaubliches Gefühl über einer so großen Metropole zu schweben. Die Stadt wirkt mächtig. Und doch bezwingbar, von hier oben. Es gibt Dinge, die macht man nur ein Mal im Leben. Dieser Flug gehört wohl dazu.

Es sind immer wieder genau diese "Once in a lifetime" Erlebnisse, die jede Reise so besonders machen. Und zu diesem Moment ahnte ich noch nicht, dass dieses nicht das einzige bleiben würde...

Voller Tatendrang, das von oben erahnte endlich von nahem zu sehen, startete ich meine Tour durch Rio an der Copacabana. Eine fatale Entscheidung, denn kaum angekommen lies der Sonnenbrand nicht lange auf sich warten. Schlau, wie ich bin, hatte ich natürlich an diesem Morgen noch auf Sonnencreme verzichtet und mich direkt ins Abenteuer gestürzt. Nun ja, selbst Schuld.
Selbst wer noch nicht in Rio war, hat irgendwann ein mal schon von der Copacabana gehört. Dieser Strand ist die Kultpromenade schlechthin. Tausende Menschen, überall verkauft jemand Kokosnüsse, Caipirinhas oder Bikinis und an jeder Ecke stehen kleine Gruppen und spielen Fußball.

Erst jetzt, wo ich hier im Sand sitze, die Füße ins warme Wasser des Atlantik halte und auf den Zuckerhut schaue, begreife ich wirklich, dass ich hier bin. Südamerika war immer so weit weg für mich. Und doch bin ich hier. Alleine in Brasilien.
In diesem Moment erwachte der Backpacker wieder in mir. Ich hatte ihn ziemlich lange irgendwo verbuddelt um meinen Abschluss zu machen und endlich etwas handfestes in der Tasche zu haben, bevor es endgültig in die Welt hinaus geht. Und über die Jahre ist er tatsächlich etwas in Vergessenheit geraten. Doch ich fühle, wie die Abenteuerlust zurück kommt. Und auch wenn der Abschluss noch 3 Monate auf sich warten lässt - ich habe wieder Blut geleckt und zähle die Tage, bis mich endgültig nichts mehr hält. 

Für jetzt und heute ist mein Zuhause die Copacabana!

Völlig ausgepowert endete dieser erste Tag mit einer 1-stündigen Wanderung zurück zu meinem AirBnB und dem direkten Weg ins Bett. Mir taten jetzt schon die Beine weh und es war abzusehen, dass dieses Gefühl mit den kommenden Tagen wohl nur noch schlimmer werden würde.

Tag 2 begann erneut zu ziemlich früher Stunde. Ich hatte mir vorgenommen, den Parque Lage zu besuchen und von dort aus den Corcovado hinauf zur Christusstatue zu wandern - ja, ich gehe freiwillig wandern.
Es hieß der Trail nach oben würde ca. 1,5-2h dauern und abgesehen von ein paar steileren Passagen recht angenehm sein. Ich stiefelte also fröhlich drauf los, nichts ahnend, dass dieser Tag mich körperlich an so einige Grenzen bringen würde. 

Parque Lage ist wie ein kleiner Botanischer Garten am Fuß des Corcovado. Theoretisch kann man von hier aus auch die Statue sehen, aber die einzige Wolke, die an diesem Morgen am Himmel war, musste sich jetzt natürlich ausgerechnet zu Jesus gesellen und mir die Sicht nehmen.

Nichts desto trotz ist dieser Ort atemberaubend schön. Als eins der meistfotografierten Gebäude in Rio de Janeiro muss man hier für gewöhnlich für ein Foto Schlange stehen. So früh am Morgen war jedoch noch nicht viel los, sodass ich relativ schnell an meine Aufnahme kam und den Rest des Parks genießen konnte.
Es ist faszinierend, wie viele verschiedene Facetten die Farbe grün doch hat. Und noch faszinierender, in welche Formen sie die Natur bringt. Man fühlt sich ein kleines bisschen wie im Urwald, mitten in der Stadt, wenn man diesen Trail entlang geht. Ich war also hoch motiviert meinen Weg nach ganz oben zu wagen. So ging es los...

Man hört immer sehr viel über die Kriminalität in Rio - so auch hier. Einige Touristen wurden auf diesem Weg wohl schon überfallen, vor allem Alleinreisende Frauen in den frühen Morgenstunden. Nun, hier war ich also! Try Me!! Nachdem ich ca 10 Minuten ziemlich steil bergauf durch den Urwald spaziert bin, kam mir ein britisches Ehepaar entgegen. Eigentlich rein aus Spaß fragte ich, ob der Weg genauso steil weitergehen würde, wie er begonnen hatte. Man entgegnete mir nur ein müdes lächeln und ein "Naja, einen Rock hätte ich für die Strecke jedenfalls nicht angezogen."  Ahja. Nun gut, ich hatte von vielen Bloggern Bilder im Kleid oder Rock auf diesem Trail gesehen. Wird schon schief gehen, dachte ich mir. 

Hätt' ja klappen können. Wie sich herausstellte, ging der Weg nicht nur so steil weiter, sondern wurde gefühlt mit jedem Höhenmeter schlimmer. Ich mit meiner nicht vorhandenen Ausdauer und der natürlichen Angewohnheit, immer ziemlich schnellen Schrittes zu laufen, kam hier also sehr schnell am Boden der Tatsachen an. Nach kaum einer halben Stunde war ich völlig breit. Überall Mückenstiche, klatsch nass geschwitzt und völlig aus der Puste hielt ich Ausschau nach einem Wegweiser, der mir verraten würde, wie weit es noch war. Denn so ganz genau wusste ich das am Anfang gar nicht. 

Der Corcovado Trail in Zahlen:

  • Länge: 3,8km
  • zu bezwingende Höhenmeter: 710m
  • Dauer: mind. 2 Stunden
  • Mücken: 10.000.000 pro Quadratmeter

Zu diesem Moment befand ich mich irgendwo bei 800m. Das würde wohl ein ganzes bisschen amstrengender werden, als ich vermutet hatte. Zu meiner Verwunderung begegnete ich auf dem folgenden Kilometer keinem einzigen Menschen. Es überholte mich auch keiner (ja, das macht mich schon ein wenig stolz). Änderte jedoch alles nichts daran, dass ich völlig aus der Puste war, mein Puls in jedem Körperteil zu spüren war und mein Blutdruck längst die konstante 180 erreicht hatte. Ich fühlte mich wie nach einer heftigen Cardio Einheit, die ich so in diesem Ausmaß wohl das letzte Mal vor ungefähr 10 Jahren gemacht hatte. Kurz um - ich war tot. An diesen Punkt kam ich noch einige Male im Laufe des Wegs. Zu meiner Erleichterung fand ich ein paar Schritte, bevor ich völlig zusammengebrochen wäre, eine Bank, die mir eine Pause in der Waagerechten erlaubte, ohne dass ich im Dreck liegen musste. Mir war einige Male ernsthaft schwarz vor Augen. Ich hätte vielleicht doch frühstücken sollen... Meine 1,5L Wasser waren längst alle und das Ende schien noch in ziemlich weiter Ferne zu liegen. 

Kurz darauf erreichte eine Gruppe Argentinierinnen meinen Rastplatz. Wie's aussah war ich wohl nicht die Einzige, die sich nach einer Bank, etwas Wasser und Erholung sehnte. Wir kamen ins Gespräch und beschlossen, den Rest des Weges gemeinsam zurückzulegen (1,9km hatten wir noch vor uns). Definitiv die beste Entscheidung für mich, denn die Gruppe bremste mich und mein Tempo ziemlich ein, wodurch sich auch mein Blutdruck wieder einigermaßen in normale Bereiche bewegte. 
Nach einigen Pausen, vielen traumhaften Aussichten und einigen ernsthaften Kletterpassagen, für die nicht nur mein Rock, sondern auch meine sportliche Verfassung nur unzureichend geeignet waren, war endlich ein Ende in Sicht! So glücklich war ich lange nicht mehr.

Da waren wir also - Holy Jesus Christ!

Man begreift erst wirklich wie groß dieses Monument ist, wenn man direkt davor steht. Von unten sieht es noch so klein aus, beinahe als könnte man es greifen und in die Hosentasche packen. Doch oben angekommen ist es mächtig! Bei praller Sonne und mit unfassbar großem Hunger genoss ich erst die unglaubliche Aussicht über Rio und anschließend ein mindestens genauso mächtiges Festmahl. 

Mal ehrlich - wer kann schon behaupten, dass er bis zu Jesus gewandert ist!? Und wieder hatte ich in diesem Urlaub ein ziemlich ungeplantes, wahnsinnig spektakuläres und auf jeden Fall nicht wiederholungsbedüftiges "Once in a lifetime" Erlebnis.

Wanderung zu Jesus. Kann man mal machen. Muss man aber nicht. Für den Weg nach unten bevorzugte auch ich dann die Seilbahn, die zwar deutlich kostenintensiver, jedoch auch hundert Mal bequemer war.

Mein Tag endete am Ipanema Beach mit einer halben Stunde Sonne und Strand, bevor es zurück ins AirBnB ging. Auch wenn ich mittlerweile vor Schmerzen in den Beinen kaum noch laufen konnte, hatte sich jeder Meter absolut gelohnt. Durch diese Stadt könnte ich ewig laufen. Da meine Beine das jedoch etwas anders sahen, plante ich keine großen Ausflüge für den nächsten Tag ein. Ein bisschen Erholung sollte man sich im Urlaub ja doch gönnen.

So beschloss ich an Tag 3 den Morgen an der Copacabana zu verbringen und tatsächlich mal etwas für meine Bräune zu tun. Bei der Hitze hielt ich es aber kaum länger als 2 Stunden aus, bevor ich wieder Schatten, Essen und meine Hängematte suchte. Da ich zum Sonnenuntergang hoch auf den Pão de Açúcar, auch bekannt als Zuckerhut, wollte, beschloss ich vorher noch ein bisschen durch Botafogo und die nahe gelegene Shopping Mall zu schlendern.

Nichts ahnend fand ich hier mein Lieblingsviertel der Stadt. Ich kann nicht genau sagen warum, aber irgendetwas erinnerte mich hier an Neuseeland. Ich habe mich einfach direkt Zuhause gefühlt. Und gegen die Aussicht kann man wohl wirklich nichts sagen!

Für ziemlich viel Geld ging es dann eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang mit der Seilbahn hoch zur Spitze des Zuckerhutes. Ich hatte schon einige Bilder gesehen, doch auf das, was mich hier oben erwartete, war ich beim besten Willen nicht vorbereitet.
Wenn gleich auch der Blick vom Corcovado atemberaubend war, so konnte er doch keineswegs mit dieser Aussicht mithalten. WOW!

Diese Stadt fasziniert mich jeden Tag auf's Neue. Schon jetzt bin ich traurig, dass ich nur noch 2 weitere Tage hier verbringen werde. Hier könnte ich durchaus länger bleiben.

Der Sonnenuntergang tauchte Rio de Janeiro in ungeahnte Farben. Mit jeder Sekunde veränderte sich das Licht, der Himmel wurde erst orange, dann rosa und schließlich knallrot. Es war magisch.

So richtig habe ich immer noch nicht begriffen, dass ich wirklich hier bin. Brasilien. Einfach mal eben. Weil ich's kann. Weil ich Lust drauf hatte. 

Ich vermisse dieses Leben. Einfach spontan entscheiden, worauf man am nächsten Tag Lust hat. Wo man ihn verbringen möchte. Welcher Ort als nächstes mein Zuhause wird. Umso besser fühlt es sich jedoch an, zu wissen, dass ich diesem Leben mit großen Schritten entgegen gehe. 

Den vierten und vorerst letzten Tag in Rio de Janeiro verbrachte ich erst bei Regen an der Copacabana und später mit Koffer packen, Füße hoch legen und Sonnenbrand heilen. Morgen früh würde ich mein AirBnB verlassen und nach Sao Paulo aufbrechen. Bevor es zurück nach Deutschland geht, verbleibt mir noch ein letzter Tag in Rio. Und wie man mich so kennt, ist dieser Tag natürlich bereits komplett durchgeplant! Ich bin gespannt was das nördliche Ende der Stadt so zu bieten hat und welche wundersamen Erfahrungen ich noch machen werde. 

Jetzt geht es jedoch erst mal in den Süden.
See you in Sao Paulo!!!