Through my eyes

Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Wenn ich diese Woche etwas gelernt habe, dann das. Ein unerwarteter Moment hat mir deutlich gemacht, dass man immer alles aus einem zweiten Blickwinkel betrachten sollte, bevor man sich ein Urteil bildet. Und dass der erste Eindruck nicht unbedingt maßgebend ist. Vieles ändert sich bei genauerer Betrachtung. Viele kleine Details, die man am Anfang noch übersieht, werden mit der Zeit immer deutlicher.

Ich habe vor einer Weile jemanden kennen gelernt, der mir die gesamten letzten Wochen nicht so recht aus dem Kopf gehen wollte. Irgendwie hatte er sich eingebrannt, auch wenn das gar nicht so geplant war. Es war nichts Ernstes, nichts von Bedeutung. Aber es lief gut. Einfach zu gut. Und irgendwann kommt man - so typisch Frau eben - einfach unweigerlich an den Punkt, an dem man sich fragt, ob da nicht vielleicht doch noch mehr gutes in diesem Typen stecken könnte...
Eigentlich fing alles so harmlos an... Es war alles super locker und auch zugegebenermaßen echt angenehm, mal keine direkten Verpflichtungen zu haben. Doch dann kam der Punkt, an dem wir uns ein paar Wochen nicht gesehen haben... und ich mich regelmäßig und zunehmend dabei ertappte, wie ich an ihn gedacht oder von ihm geträumt habe. Ob ich wollte oder nicht, er geisterte mir nun also auch in seiner Abwesenheit im Kopf rum... und ab diesem Moment wusste ich, dass ich aufpassen muss. "Ich darf mich da jetzt nicht zu sehr reinsteigern.", habe ich mir immer wieder gesagt. Ist natürlich total kontraproduktiv gewesen, denn je öfter ich mir das dachte, desto präsenter wurde das Thema. Und irgendwann hab ich eigentlich über nichts anderes mehr nachgedacht... dann war's zu spät.

Jetzt war er also da, der Gedanke. Und ich hatte nur noch ein paar Tage, bis wir uns wiedersehen würden, um herauszufinden, was ich jetzt damit anfangen soll. Glaubt mir, so wirre Gedankengänge hatte ich lange nicht mehr! Was sollte denn das nun werden, wenn wir uns wiedersehen... ich kann unmöglich so weitermachen wie bisher. Das würde nur darin enden, dass wir uns in zwei völlig unterschiedliche Richtungen bewegen und am Ende einer verletzt oder enttäuscht ist. Nein, bloß nicht! Gefühle sind hier fehl am Platz, so viel war sicher. Aber was nun?
Unzählige Male habe ich mir unser nächstes Treffen ausgemalt. Unendlich oft habe ich in meinem Kopf diverse Gespräche geführt.. und wozu? Am Ende war ich doch NULL vorbereitet, als es dann soweit war.

Aber wie es immer ist, kam mal wieder alles völlig anders, als ich es erwartet hatte. Ja, in keiner meiner unzähligen Fantasien hatte ich mir ein derartiges Szenario ausgemalt. Aber mit DEM Auftreten, das er da an den Tag gelegt hat, hat er echt den Vogel abgeschossen. Es hat selten jemand so schnell geschafft bei mir komplett unten durch zu sein. Hut ab! Aber was er sich da geleistet hat, wäre wohl für jeden zu viel des Guten gewesen. Ich hab ja nichts gegen Selbstbewusstsein und ein bisschen gesunde Arroganz. Aber das war echt zu viel!
Kennt ihr das, wenn der erste Eindruck ein so starkes Bild hinterlässt, dass man erst mal einen gewissen Abstand braucht, bis die Dinge, die man vorher erfolgreich ignoriert hat, weil einfach etwas anderes viel vordergründiger und spannender war, auf ein Mal viel mehr zur Geltung kommen, weil der erste WOW-Effekt vorbei ist und man objektiver auf die Situation schaut? Diese starke, selbstsichere Aura ist in diesem Moment irgendwie einer aufgesetzt arroganten Fassade gewichen, die ich vorher ganz anders wahrgenommen habe. In den Momenten, in denen ich ihn mir vorher noch her gewünscht hatte, wollte ich ihn jetzt gern wieder weg schicken. Es hat nur ein paar wenige Stunden gedauert, mein Bild von Grund auf zu verändern...
Einerseits war das gut, denn Gefühle spielten auf einmal nicht mehr die entfernteste Rolle. Andererseits war es aber auch irgendwie schade um den Mann, der er in meinen Augen war, bevor ich mir ein genaueres Bild machen konnte.

Nun ist aber so langsam Gras über die Sache gewachsen und ich ertappe mich wieder dabei, wie ich "in alte Muster" verfalle. Durch seine pure Anwesenheit schafft er es, die Wut auszuradieren und durch eine gewisse Sympathie zu ersetzen, die eigentlich viel mehr auf dem Reiz der Sache an sich beruht, als auf eigentlichen Grundlagen. Beide Reaktionen waren wohl zu extrem. Sowohl die Euphorie am Anfang, als auch der plötzliche Bruch danach. Ich habe in zwei verschiedenen Situationen die unterschiedlichen Facetten eines Menschen kennen gelernt, wobei in gewisser Weise natürlich auch eine gewisse Erwartungshaltung mit von Bedeutung war... und diese wurde einfach völlig zerschmettert. Kein Wunder also, dass ich zuerst völlig geschockt vom plötzlichen Umbruch war... Mittlerweile jedoch gibt sich beides langsam die Waage. Ich denke die Wahrheit liegt in der Mitte, irgendwo zwischen diesen beiden Extremen, die ich jetzt kenne.

Und jetzt, jetzt bin ich hin und her gerissen, weil ich nicht mehr weiß, ob ich ihn nun noch mag oder nicht mag oder einfach nur heiß finde oder... ja... was auch immer. Ich weiß es nicht. Und ich befürchte, dass es auch noch eine ganze Weile dauern wird, eh ich mir da sicher sein kann.

Ich hoffe nur, dass dieses Chaos bald einigermaßen sortiert hat...