Startschwierigkeiten in Hastings

Von Hamilton aus fuhren wir noch einen ganzen Tag, bis wir spät abends endlich das Rotten Apple Hostel in Hastings erreichten. Erst auf dieser Fahrt ist mir so richtig bewusst geworden, welche Schönheit dieses Land eigentlich zu bieten hat. Die Natur lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Und auch wenn grün unter normalen Umständen nicht gerade meine Lieblingsfarbe ist, so konnte ich mich hier doch nie wirklich daran satt sehen. Unser Weg zur Bay führte vorbei an Taupo, einer - fast schon idyllischen - Kleinstadt am Lake Taupo inmitten der Nordinsel. Da wir ja keinerlei Zeitdruck hatten, konnten wir überall anhalten, wo es uns gerade gefiel und so besuchten wir mal eben noch schnell die Huka Falls nördlich von Taupo, hielten gefühlt alle 10 Meter irgendwo im Nirgendwo an um Fotos zu machen und legten anschließend eine Picknick-Pause an einer Aussichtsplattform ein, von wo aus wir einen atemberaubenden Blick über die Region genießen konnten. So schlecht war die Idee wohl doch nicht, spontan mit fremden Menschen mitzufahren. Und irgendetwas sagte mir, dass das wohl auch nicht das letzte Mal gewesen sein wird...

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04.10.2012 18:42 - Die erste Woche

Unser "Wir fahren zur Bay of Plenty"-Plan ist übrigens einem "Wir fahren zur Hawke's Bay" gewichen und so sitzen wir jetzt in Hastings im Rotten Apple Hostel. Eigentlich ganz cool hier, alles sauber und ordentlich. Wir haben ein Zimmer mit den Jungs zusammen und bekommen wohl auch hier Jobangebote. Die Jungs haben schon was, also sollte für uns auch bald was drin sein.

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Ich war völlig kaputt, als am nächsten Morgen die Sonne aufging und Christine mich mit überwältigender Euphorie aus dem Schlaf riss. Im Gegensatz zu mir hatte sie mittlerweile herausgefunden, dass wir nicht an der Bay of Plenty gelandet waren, fand das Ganze aber genauso wenig schlimm wie ich einige Minuten später, als diese Information mein noch halb schlafendes Gehirn erreichte. Meine Prioritäten lagen im Moment vor allem darauf, eine Bankfiliale zu finden, in der ich meine letzten Reisechecks flüssig machen konnte, damit wir die kommenden Wochen von irgendetwas leben konnten.

Hastings schien eine ganz nette Stadt zu sein, viel los war hier allerdings nicht. Dafür bot die Gegend rund um die Hawke's Bay umso mehr! Gleich am zweiten Tag machten wir einen Ausflug zum Ocean Beach - endlich! Ich konnte es schon seit Tagen kaum erwarten endlich ins Wasser zu springen, wurde uns doch von den Stränden hier so viel versprochen. Wie wir dort so im Sand lagen und vor uns hin brutzelten, kam das erste Mal ein gewisses Gefühl von Freiheit auf. So viel es auch zu organisieren gab, hatte ich doch keinerlei Grenzen. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Hingehen, wo immer ich es schön fand, arbeiten wo es mir gefiel und jeden Morgen auf's Neue entscheiden, worauf ich gerade Lust hatte. Es gab keine Regeln.

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07.10.2012 20:07 - Startschwierigkeiten

In 2 Tagen sind die ersten 2 Wochen vorbei... dann kommen ja nur noch 32 weitere ...schon Wahnsinn, was wir in ein paar Tagen alles erlebt und gesehen haben. Wir sind jedenfalls gut hier angekommen und wohnen immer noch im Hostel mitten in der Stadt. Der erste Job und die erste WOOFING-Farm sind auch schon in Aussicht, klappt also alles recht gut momentan. Das Wetter spielt auch super mit in den letzten Tagen, wir haben fast immer Sonne. Und wenn die einmal am Himmel steht, dann ist Sonnenbrand vorprogrammiert!

Von der Gegend hier haben wir auch schon jede Menge gesehen! Wir waren am Ocean Beach und vorgestern auch up to Te Mata Peak, die wahrscheinlich beste Wanderung meines Lebens. Es ist so unglaublich faszinierend, welche Welten hier direkt aufeinander prallen. Auf der einen Seite die Stadt und direkt daneben green valleys. Und Baum an Baum. Der Ausblick lohnt sich immer gleich noch viel mehr... hinter jedem Hügelchen blinzelt eine Bay oder das Meer hervor... einfach traumhaft!

Ansonsten ist soweit alles in Ordnung... ich fange so langsam an zu begreifen, dass ich an einem Ort bin, mitten zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn... wenn die Fantasie Landschaften erschafft, die man auf einmal in direkter Umgebung sieht.. das ist einfach amazing. Totally amazing!

Bis die Tage dann mal.

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Die folgenden Tage vergingen wie im Flug. Während die Jungs mittlerweile Arbeit gefunden hatten, suchten wir immer noch vergeblich nach einem Job hier in der Gegend. Kaum zu glauben, aber irgendwie wollte uns keiner. So verbrachten wir die Tage damit uns die Gegend anzuschauen, durch die Hügel zu wandern und auf irgendwelchen Walkways verloren zu gehen. Mit jedem Tag war ich auf's Neue völlig fasziniert von der unglaublichen Landschaft, die mich umgab. Es war ein kleines bisschen wie im Paradies. Niemals hätte ich mir erträumt, dass ein so wunderschöner Ort tatsächlich existieren könnte.

Schon in diesen ersten paar Wochen verliebte ich mich in dieses Land. Ein Land, welches in jeder Hinsicht einzigartig zu sein schien, wo an jeder Ecke Schafe grasen und man trotzdem vor lauter grün kaum etwas anderes sieht. Ein Land, dessen Bewohner kaum freundlicher sein könnten. Einfach ein rundum perfekter Ort...

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15.10.2012 13:23

Ooooooh mein Gott, die Erde hat gewackelt! ...ich hatte ja schon fast aufgehört daran zu denken, aber hier gibt's ja Erdbeben! Und wir haben grad eben das erste davon miterlebt... das ist ja mal sooo cool! Es wackelt einfach mal alles um dich rum! Voll verrückt.

Mit dem Job hat es jetzt auch endlich geklappt, Chris und ich arbeiten jetzt zusammen jedes Wochenende abends im Bluewater Hotel in Napier in der Sportsbar. Als so eine Art Promotion/Waitress Girls. An sich recht cool, ich hätte nicht gedacht, dass Kellnern so viel Spaß machen kann. Aber bei den Leuten hier ist das auch kein Wunder. Es sind alle so meeega freundlich und lieb.. und 2 blonde Mädels sind hier natürlich die Hauptattraktion. :D Sowas gibt's hier scheinbar nicht so oft...

So allmählich kommt auch der Alltag wieder zurück. Man steht jeden Morgen irgendwann zwischen 9 und 10 auf, chillt und frühstückt und dann geht man wieder ins Bett ..vielleicht mal eben zum Supermarkt, weil die Schokolade alle ist und vielleicht unternimmt man auch mal was. Aber ansonsten sind wir gerade relativ entspannt und irgendwie unausgelastet. Die meiste Zeit sind wir eigentlich am Essen. ...aber das wird sich sicher relativ schnell wieder geben, denk ich. Wir wollen heute Abend mal zum Karate Training rüber in die Kampfsportschule gehen, letzte Woche haben wir da Tae Kwon Do mitgemacht und ich bin hinterher fast umgefallen. Ich hab mich eindeutig zu lange nicht mehr vernünftig bewegt...

Heute steht dann noch der Großeinkauf an, wir brauchen mal wieder ein paar Sachen.. und jedes Mal, wenn ich durch diese Mega-Supermärkte laufe, fällt mir auf wie schön niedrig doch die deutschen Preise sind ...2 Tomaten für 3 Dollar, eine Tafel Schokolade für knapp 4 Dollar... und Fleisch und Obst/Gemüse ist sowieso unbezahlbar.. man lebt also ziemlich ungesund, wenn man sparen will. Freunde, ich werde dick! Wir haben uns aber für die nächsten Tage selbstgemachte Kartoffelsuppe, Gemüsereis und Fisch und Kartoffelsalat mit Fleisch vorgenommen... mal sehen, ob sich das alles realisieren lässt - die Ideen jedenfalls sind da!

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Ja, ein Manko hat dieser sonst so perfekte Ort doch. Es ist unglaublich schwer hier einigermaßen vernünftig zu essen, ohne sich in Unkosten zu stürzen. So war schon jetzt Obst und Gemüse absolute Mangelware, was durch übermäßigen Schokoladenkonsum auszugleichen versucht wurde. Dem entsprechend sahen wir auch aus. Aber überleben war momentan einfach wichtiger als hübsch aussehen. So gaben wir uns vorerst mit der mageren Essensausbeute zufrieden und genossen weiter in vollen Zügen unser, mittlerweile doch recht entspanntes, Leben. 
Unser Job, den wir über Umwege durch den Hostelbesitzer vermittelt bekamen, hatte auch jeden Tag etwas Neues zu bieten. Nachdem wir zu Fuß durch halb Napier gestiefelt waren, bekamen wir in der Sports Bar angekommen zu allererst mal ein kühles Bier auf's Haus, bevor unser "Vorstellungsgespräch" startete. Es verlief ungefähr so:

"Habt ihr beide Hot Pants und einigermaßen ähnliche Outfits?"
"Ja, haben wir."
"Okay - und hohe Schuhe?"
"Ja."
"Okay, dann sehen wir uns Samstag!"

So einfach habe ich wohl noch nie einen Job bekommen. Und auch wenn wir eher hübsche Deko waren, als wirkliche Kellnerinnen, brachten uns die zwei Abende pro Woche genug Geld ein, um sowohl die Miete im Hostel, als auch die nötige Verpflegung zu bezahlen. Beschweren konnten wir uns also nicht, immerhin hatten wir praktisch die gesamte Woche frei und lernten bei der Arbeit jeden Abend neue Leute kennen, die aus irgendwelchen Gründen völlig fasziniert von uns zu sein schienen. So auch Mike und Al. Und die beiden würden wir wohl noch häufiger wiedersehen...