Neuanfangsdepressionen

Sonntag Abend. Wieder eine Woche ist um. Und nach wie vor sitze ich Tag für Tag stundenlang auf meiner Couch und warte sehnsüchtig darauf, dass ich endlich anfangen darf zu arbeiten...
Gedankenverloren schaue ich aus dem Fenster, trete hinaus auf den Balkon und setze mich. Es ist kühl, aber irgendwie angenehm. Eine Freundin hier zu haben wäre schön, irgendjemanden zum Reden um die langen, einsamen Abende irgendwie rumzukriegen. Ich schreibe Einigen, aber kaum einer antwortet. Und die, die es tun, erzählen mir Dinge, die ich eigentlich gar nicht wissen möchte...

Kennst du das, wenn alle um dich rum ein funktionierendes Leben haben, heiraten, Kinder kriegen, Doktorarbeiten schreiben, reisen... und dann bist da du, vom Freund verlassen und rausgeworfen, allein umgezogen in eine fremde Stadt, fängst gerade mit 23 zum dritten Mal eine neue Ausbildung an und hast gerade so noch 5 Euro in der Tasche, mit denen du maximal bis ins nächste Dorf reisen könntest, sie aber am Ende doch lieber in eine Flasche Wein investierst...?
Zu dem Männerfrust kommt jetzt also auch noch Motivationsfrust. Ich hab echt absolut Bock, daran liegt es nicht mal. Die nächsten Jahre werden geil! Ich meine hey, neue Stadt, neuer Job... Aber realistisch gesehen ist der Spannungsfaktor in den nächsten 3 Jahren aufgrund verschiedenster Faktoren voraussichtlich einfach ziemlich gering.
Dieser Neuanfang ist halt eben auch mit sehr vielen Verlusten verbunden. Und auch wenn es taktisch unklug scheint, sich in so einer Phase, in der man sich eh schon allein fühlt, von der ein oder anderen vermeintlichen Freundschaft zu distanzieren, so habe ich doch gerade in den vergangenen Monaten verstärkt Abstand genommen von denen, die irgendwie doch nur Namen auf einer Facebook Freundesliste sind. Sehr viele, die ich früher als Freunde bezeichnet habe, sind jetzt nur noch Bekannte. Ich habe auf die harte Tour gelernt loszulassen...
Jetzt einen Neuanfang zu wagen, mit nichts als der puren Hoffnung im Gepäck, erscheint von Tag zu Tag schwieriger. Wahrscheinlich hatte ich auch einfach in den letzten Tagen zu viel zeit um mir darüber den Kopf zu zerbrechen. 23... in diesem Alter wollte ich eigentlich schon ganz wo anders stehen. Und nun sitze ich hier, versuche mich kampfhaft zu motivieren, obwohl ich eigentlich weiß, dass diese Demotivation einzig und allein der langen Weile der letzten Woche geschuldet ist, denke über anderer Menschen Hochzeiten nach, dann über meine eigene, die jetzt nicht mehr stattfinden wird, stelle fest, dass ich jemanden liebe, dem ich nicht mehr in die Augen schauen kann und versinke erst in Selbstmitleid und anschließend in Wein.

Es wird langsam kalt... schweren Herzens werfe ich einen letzten Blick hinauf zu den Sternen und gehe zurück in die Wohnung. Es ist völlig still, dunkel und vor allem leer. Ich gehe an meinem Spiegelbild vorbei und auf direktem Weg ins Bett. Nachgedacht habe ich heute entschieden zu viel, ich möchte jetzt eigentlich nur noch schlafen.
In dieser Nacht träumte ich seit langem wieder von dir. Und als ich aufwachte, umspielte ein Lächeln meine Lippen. Du magst vielleicht nicht hier sein... aber irgendwie bist du trotzdem noch bei mir. Und das gilt wohl auch für all die Anderen, die ich mir Abend für Abend zu mir auf den Balkon wünsche.

Denn so richtig allein ist man nie.