Neuanfang

Es ist geschafft. Alle Kisten sind gepackt, die Möbel gekauft. Am Freitag ziehe ich um und alles steht auf Anfang. Wer hätte gedacht, dass es so schnell gehen würde...

So langsam verfliegt die Melancholie des Abschiedes und weicht der Vorfreude auf all das, was auf mich zukommt. Neue Stadt, neue Wohnung, neuer Job. "Pretty exciting, huh?" Ja, kann man so sagen...
Für mich ist dieser Umzug tatsächlich eine Art Reset. Komplett neu anfangen, alles hinter mir lassen und bloß nicht zurückschauen. Die vergangenen Wochen haben mir immer deutlicher vor Augen geführt, dass ich nie in der Lage sein werde, dieses neue Kapitel anzufangen, wenn ich mich nach wie vor an mein altes Leben klammere. Ich muss loslassen. Mein Leben, die Stadt, die Menschen... ihn.
Probleme lässt man selten einfach so zurück, die machen sich von ganz allein in all den Umzugskisten breit und warten nur darauf, wieder ausgepackt zu werden. Jedoch wird man durch einen Ortswechsel immer ein bisschen aus dem Rhythmus gebracht und hat die Chance, alles ein wenig neu zu sortieren. Und genau das werde ich tun!

Zugegebenermaßen kann man bei genauerer Betrachtung des letzten Jahres in meinem Fall nicht wirklich von einer Routine sprechen - denn eigentlich habe ich nichts gemacht. Aber irgendwann wird auch der tägliche Weg ins Fitnessstudio, die 5 Stunden chillen auf der Couch und das Kochen für den Freund zur Routine, vor allem, wenn du es dir praktisch zur Lebensaufgabe gemacht hast, die perfekte Frau/Freundin zu sein.
Da nun mit der Trennung ein entscheidender Teil meines Tagesablaufes weggebrochen ist und - man soll es kaum glauben - tatsächlich bald ein paar neue Aufgaben auf der Agenda stehen, fällt es mir ein wenig leichter >from scratch< eine ganz neue Routine aufzustellen und einen Lebensstil zu finden, mit dem ich glücklich sein kann.

Ich habe den Umzug genutzt um mich von sehr vielen Dingen zu trennen. Minimalismus. Ich habe nur das behalten, was ich wirklich brauche. Vieles ist zwar neu, jedoch recht einfach. Simpel. Ohne Schnick-Schnack. Ich hab es satt unnütze Dinge in meinem Leben anzusammeln und täglich darüber zu stolpern. Wer hat sie nicht, diese paar Sachen, von denen wir eigentlich ganz genau wissen, dass sie sowohl unnötig als auch längst nicht mehr zu gebrauchen sind. Und doch heben wir sie auf. Warum, das wissen wir meist selbst nicht so genau. Und das bezieht sich nicht nur auf Materielles, sondern vor allem auch auf Menschen. Wie oft habe ich vermeintliche "Freunde" nach einem Abschiedstreffen gefragt und bin immer wieder auf nächste Woche vertröstet wurden. Ich habe sie bis heute nicht treffen können. Wie oft wollte ich Dinge klären um die Probleme nicht mitzunehmen, wenn ich weggehe, um abzuschließen. Und keinen hat es interessiert. Aber ganz ehrlich? Mich interessiert es jetzt auch nicht mehr...

Das schöne an einem Neuanfang ist, dass man sich selbst noch ein mal ganz neu erfinden kann. Man kann neue Dinge ausprobieren, Gewohnheiten ablegen, neue Rituale finden.
Ich habe eine Weile gebraucht um mich mit diesem Gedanken anzufreunden. Denn wer kennt das nicht - jemand wird von heute auf morgen ein komplett anderer Mensch. Und keiner weiß so recht wieso. Es fragt aber auch keiner. Es wird sofort geurteilt. Für Außenstehende sieht das immer erstmal aus, als versucht man jemand zu sein, der man eigentlich gar nicht ist. Mir war es immer wichtig, dass die Menschen, die mich noch aus Zeiten der Beziehung kennen, von mir denken, dass ich immer noch die Gleiche bin. Dass sich nichts geändert hat... wahrscheinlich, weil ich insgeheim anfangs noch gehofft habe, dass es ihm dadurch leichter fallen würde, zu mir zurückzukommen, wenn ich nach wie vor die selbe bin, mich kein bisschen verändert habe. Ich hatte Angst etwas zu ändern, weil ich Angst hatte, er würde mich dann nicht mehr mögen...
Nur habe ich dabei eine Sache die ganze Zeit nicht bedacht... ICH muss mich mögen. Und ich hatte schon monatelang das Gefühl mich zu verbiegen, wollte es aber der Beziehung zuliebe nicht ändern, um ihn nicht zu verlieren... Aber jetzt ist er doch sowieso weg. Also was hält mich auf? Uns führt eh nie wieder etwas zusammen...
Und auch wenn ich Probleme habe mir das klar zu machen - Es ist völlig egal, was er jetzt von mir denkt! Es ist völlig egal, ob er glaubt ich wäre nicht mehr ich, nur weil ich mich in gewissen Hinsichten verändert habe. Und wenn er - oder auch jeder Andere - glaubt, ich würde mich selbst belügen und mir was vorspielen, ja bitte, dann ist das so. Wichtig ist, dass mich mit der Veränderung besser fühle...

Es gibt nach wie vor viele offene Baustellen, aber ich bin überzeugt, dass ich einige davon mit dem Umzug hinter mir lassen und für immer schließen kann, wenn ich erst einmal richtig angekommen bin.