Insecurity

Es ist schon erstaunlich, in welchen Bahnen das Leben spielt. Nach nun mehr fast einem Jahr im hohen Norden fange ich langsam an einen sozialen Kreis aufzubauen. Nicht unbedingt mein Spezialgebiet, doch andererseits ganz nett um mal an andere Dinge zu denken als die alltäglichen Probleme. Im Endeffekt jedoch hat es das ganze Gegenteil von dem bewirkt, was es ursprünglich sollte.

Ich wollte raus. Rumkommen. Menschen treffen. Nach all dem, was im vergangenen Jahr passiert ist, endlich wieder leben.

Und nun... ja, jetzt bin ich ständig mit den verschiedensten Leuten unterwegs. Man trifft sich, feiert, geht raus, hat Spaß. "Die Zeit deines Lebens", so heißt es doch... aber am Ende eines jeden Tages steht immer wieder die bittere Erkenntnis, dass man zwar von allen Seiten akzeptiert und gemocht, jedoch in tiefergreifender Hinsicht nie wirklich ankommen wird. Denn die Lücke, die man versucht zu kompensieren, kann keine Party der Welt wirklich schließen. Auch der beste Abend mit den tollsten Menschen wird nie ausreichen, um mich am nächsten Morgen vom Boden der Tatsachen fern zu halten. Es war leichter sich in Arbeit und Sport zurückzuziehen und vor der Welt da draußen zu verstecken. Man ist zwar ganz genau so einsam, jedoch sich dessen viel weniger bewusst. Es wird dir nicht jeden Tag aufs Neue wie ein Schild vor's Gesicht gehalten...

Von all den Menschen, die ich in meinem "Ich bin mal sozial"-Experiment der letzten Wochen kennengelernt habe, sei es in der Schule oder in diversen Freundeskreisen, denen ich mich hier und da angeschlossen habe, ist es kaum jemandem wirklich gelungen, mich aus mir raus zu holen.
Es scheint nach Außen hin immer, als wäre ich ein geselliger und offener Mensch, weil ich relativ schnell Allen meine kuriosesten Geschichten erzähle und auch an brisanten Details selten spare - wer dahinter steckt, das erfahren nur die Wenigsten.

Mit all diesen Menschen hatte ich die letzten Wochen unglaublich viel Spaß - jedoch wird nichts davon von Dauer sein. Es werden Bekanntschaften sein, die sich so schnell, wie sie sich fanden auch wieder im Nichts verlieren werden. Und bei den Meisten ist das okay. Aber in diesem einen Fall...

Ist es möglich, dass man eine Person eigentlich noch kaum kennt und doch direkt ab dem ersten Moment das Gefühl hat, sie in seinem Leben zu brauchen? Als könnte dieser Mensch diese eine Konstante sein, die fehlt, um das eigene Durcheinander erträglicher zu machen... Weil man sich sofort erleichtert und ruhiger fühlt, wenn diese Person anwesend ist. Weil sie Sicherheit gibt, ohne wirklich etwas zu tun... Jemand, den man mit Dankbarkeit in jedem Blick ansehen kann, ohne das Gefühl zu erwecken, es sollte mehr sein.
Du strahlst so eine unglaubliche Sicherheit aus. Du hast irgendetwas an dir, was mir die Anspannung nimmt. Was mich innerlich beruhigt. Und das tut momentan einfach extrem gut...

Kann man bei einem Menschen das Gefühl haben, man möchte ihm so nah wie möglich sein, weil es gut tut, während man in keiner Weise jedoch ein anderes Gefühl als Freundschaft dabei empfindet?

Oder bin ich nur auf der Suche nach jemandem, der mir das geben kann, was mir der, von dem ich es erhoffe, nicht gibt...? Sehne ich mich bei anderen Menschen nach Nähe, weil ich weiß, dass dieser eine Mensch nicht gut für mich ist? Drängt mich mein Unterbewusstsein absichtlich zu jemandem, den ich in jeder Hinsicht perfekt finde, um mir endlich bewusst zu machen, dass der Mensch, in dem ich eben diese Eigenschaften suche, nie sein wird, was ich in ihm sehe...? Zeige ich mir vielleicht damit selbst, dass ich ganz genau weiß, was ich suche - und dass ich es niemals dort finden werde, wo ich danach Ausschau halte!?

Die abschließende Frage bleibt wohl, was aus all dem wird, wenn die kommende Woche vorbei ist und wir alle wieder unsere eigenen Wege gehen... fest steht, dass ich dieses kollektive sozial sein in Zukunft wohl auf das Nötigste beschränken werde. Und wer weiß - vielleicht bringt ja doch irgendwann mal jemand wieder ein wenig Licht ins Dunkle...