Ein Augenblick in Washington DC

Und für einen Tag kam der Sommer zurück.. Freitag - es geht los. Ich sitze schon halb 10 fertig zur Abreise auf gepackten Koffern. Um eins starten wir. 11 Stunden Busfahrt von Boston nach Washington DC. Ein Mal die halbe Ostküste runter, vorbei an Connecticut, New York, New Jersey, New Delaware, Maryland und Pennsylvania. Ein Wochenende in der Hauptstadt - im District of Columbia. Genau genommen eigentlich nur ein Tag, denn sowohl den Freitag als auch den gesamten Sonntag werden wir groesstenteils im Bus verbringen und durch die Staaten fahren. Aber das soll uns nicht aufhalten.. Auch an einem Tag kann man viel sehen - das habe ich in Neuseeland ja schon mit Tami beim Speed-Sightseeing geuebt. Nach einer langen, anstrengenden Fahrt in einem Bus OHNE INTERNET und mit einer Reiseleiterin, die 100 mal betonen musste, dass wir ja eine schoene Zeit haben sollen und sie uns als ihre Kinder ansieht, der sie die Welt (oder zu mindest Washington) zeigen kann, kamen wir puenktlich Mitternacht im Harrington Hotel Washington DC an und konnten uns in unsere Betten fallen lassen. Ich hatte mir die Zimmer zwar etwas komfortabler vorgestellt - was man auch haette erwarten koennen, bei dem Preis, den wir dafuer gezahlt haben - aber letztendlich ist es ja nur zum Schlafen da. Wir waren 5 (deutsche) Maedels auf meinem Zimmer - an Schlafen war also vorerst nicht zu denken. Erst musste ja schliesslich noch diskutiert werden, wer wann aufsteht, was man am naechsten Tag anziehen wuerde und wohin man in der Freizeit eigentlich noch so gehen kann. typisch.

Dem entsprechend waren wir alles andere als ausgeschlafen, als Samstag der Wecker um 7:30Uhr klingelte. Aber ein gutes Fruehstueck hebt die Laune ja bekanntlich immer! ...nur gab es in naeherer Umgebung ausser Dunkin Donuts und Starbucks nichts wo man haette fruehstuecken koennen. Ich gab mich also mit einem XXL Raspberry Ice Tea und improvisiertem Apfelstrudel fuer's Erste zufrieden. Ausserdem spielte das Wetter erstaunlich gut mit. Die letzten Tage waren verregnet und kuehl, doch heute strahlte die Sonne bei angenehmen 20Grad und es war kein Woelkchen am Himmel zu sehen. Perfekt fuer Fotos! Um 10 ging dann die geplante Stadtrundfahrt los. Unsere hippe Reiseleitung war auch wieder am Start. Mit pink gestreiftem Pulli und ueberdreht guter Laune redete sie ohne Punkt und Komma von irgendwelchen Menschen, die vor Jahren mal diese Tour mit ihr gemacht haben und mit denen sie heute noch per Facebook in Kontakt steht. "Na da weiss ich ja, was auf uns zukommt..." war mein erster Gedanke... und tatsaechlich, wir sind jetzt alle Facebookfreunde :D Ihre schon leicht angenervte Gespraechsperson schien unsere Fuehrerin fuer die Tour zu sein - wir nennen sie nur Miss Regenschirm. An ihren Namen kann ich mich "leider" nicht mehr erinnern, weil ihr tschechischer Akzent so schrecklich war, dass ich ihr einfach nicht zuhoeren konnte.. Als erstes fuehrte uns die Tour zum Weissen Haus. Guten Morgen Obama! Hier lebt also der Praesident. Ein huebsches weisses Haeuschen umgeben von einem hohen Zaun, der wiederum von einem weiteren Zaun umgeben war. Hier ist letztens wohl jemand ueber den grossen Zaun geklettert, weswegen man beschlossen hat, einen weiteren darum zu bauen. Miss Regenschirm fing also an irgendwelche Fakten herzubeten, waehrend wir Fotos machten, uns mit den Polizisten ueber Obama unterhielten und versuchten herauszufinden, warum das Haus im TV immer so monstroes aussieht, in Wirklichkeit aber nahezu winzig ist. "Immerhin ist man hier beim Verstecken spielen nicht Jahre lang verschollen..." meinte ein Officer :D Er muss es ja wissen, immerhin steht er seit Jahren hier Wache. An sich war es eigentlich ganz niedlich - nur halt kaum vergleichbar mit den anderen Gebaeuden. Es schien mir fast das kleinste und unscheinbarste Haus in ganz Washington zu sein, wenn ich ehrlich bin. Vielleicht ist das ja aber auch so gewollt... wer weiß.. 
Nach gefuehlten 100000 Fotos, die allerdings dank Zaun alle nicht wirklich zufriedenstellend waren, mussten wir feststellen, dass Miss Regenschirm schon wieder ganz wo anders war. Sie hatte scheinbar mitbekommen, dass ihr niemand mehr zuhoerte und war einfach unbemerkt verschwunden. Aber mal ehrlich, wer geht auch davon aus, dass uns interessiert, wer im Park nebenan erschossen wurde.. Von dort aus ging es weiter zum nur ein paar hundert Meter entfernten Constitution Garden, einem grosszuegig angelegten Park neben dem Reflecting Pool und den bekannten Memorials. Wir konnten von hier aus die naechsten Sights erlaufen. Miss Regenschirm fuehrte uns als erstes zur Vietnam Veterans Memorial Wall, eine Art Gedenkstaette, an der die Namen der im Vietnamkrieg gefallenen Soldaten standen und Fotos und Briefe in Erinnerung an Vaeter, Soehne und Freunde lagen, die niemals nach Hause gekommen waren. Keine 5 Minuten von dort ist das National World War II Memorial gelegen. Ein grosser Springbrunnen zu drei vierteln umrundet von vielen kleinen Saeulen, die fuer die Staaten der USA stehen, und 2 grossen Saeulen, die Atlantik und Pazifik symbolisieren. Die offene Seite bietet einen wunderbaren Blick auf das Washington Monument, der weltweit bekannte Obelisk Washingtons. Ein beeindruckender Ort. Er lag genau zwischen dem Lincoln Memorial und dem Monument, dazwischen der lange Reflecting Pool, durch den Forrest Gump rennt um zu Jenny zu kommen :D Geniale Architektur. Und alles wahnsinnig gruen. Die gesamte Stadt schien ein einziger Park zu sein. Nicht ohne Grund ist Washington DC die gruenste Stadt der USA. Baeume, Gruenflaechen und Parks, wohin man auch geht. Ein Ort mit atemberaubender Architektur, die die gesamte Stadt praegt und vereinheitlicht. Es wirkt hoheitlich, nahezu herrschftlich. Jedes einzelne Gebaeude ist im selbst Stil gehalten, wirkt maechtig und stark. All das verleiht dieser Stadt Ausdruck. Man fuehlt sich sicher und doch irgendwie frei. Fuer einen Moment erlaubte ich mir die Vorstellung hier zu leben. Viel Zeit zum Traeumen blieb mir allerdings nicht, wir wollten ja schliesslich noch zum Kapitol, was auch nur ein paar Minuten vom Washington Monument entfernt ist und man eigentlich problemlos haette hin laufen koennen, wie eigentlich ueberall hin. Wir hatten natuerlich das Glueck, dass die Kuppel gerade saniert wurde, also wunderhuebsch in ein grosses Geruest eingewickelt war und das ganze dementsprechend unschoen aussah. "Ihr muesst das positiv sehen, wenn ihr heute davon Fotos macht, ist das etwas historisches! Das Capitol wird so schnell nicht wieder in ein Geruest gehuellt sein, vielleicht ist euer Foto dann von unschaetzbar historischem Wert und bringt euch viele tausend Dollar!!" - ja. genau. Miss Regenschirm hat gesprochen. Mal ehrlich.... WHAT!?!? Als ob das jemand bedeutend findet :D Und ehrlich gesagt haette ich lieber etwas weniger Geruest und Zaun auf meinen Wash DC Bildern gehabt, aber gut. Lassen wir ihr ihre Illusionen. Ich hatte eh nicht mehr vor diese Frau zu verstehen... musste ich zum Glueck auch nicht mehr, die Tour war hier naemlich vorbei. 4 Stunden unterwegs, viele Bilder gemacht und meeeega hungrig. Hier trennten sich nun unsere Wege. Einige schauten sich Museen an, andere liefen noch mal die Memorials ab... ich hingegen wollte zu allererst mal Mittag essen. So fuehrte uns unser Weg also erst zurueck ins Hotel und dann auf beinahe direktem Weg in ein Restaurant. Beinahe meint in diesem Fall, dass wir (2 Maedels aus meinem Zimmer und ich) auf dem Weg noch bei H&M und Forever21 anhielten und ein paar Kleinigkeiten shoppten, bevor wir entschieden, einfach in die andere Richtung zu gehen, als es sinnvoll gewesen waere um in der Innenstadt rauszukommen... was dazu fuehrte, dass wir uns nach 5min in Chinatown wiederfanden und die Suche nach Essen jetzt natuerlich recht einfach war. Da wir uns zwischen all den Chinesen nicht entscheiden konnten, (nein, wir haben nicht alle durchprobiert) landeten wir kurzerhand im Vapiano, einem wundervollen Italiener, den ich schon in Deutschland frequentierte. So spielt das Leben. Ehrlich gesagt bin ich ziemlich stolz auf uns... Im Gegensatz zu vielen Anderen haben wir unsere Freizeit damit verbracht eine andere Ecke der Stadt zu sehen, wenn auch zufaellig. In ein Museum kann ich immernoch gehen, wenn mir gar nichts mehr einfaellt. Mit gefuelltem Magen und einem Laecheln im Gesicht spazierten wir nun zurueck zum Hotel - es war mittlerweile 17Uhr - um uns vor der anstehenden Nacht-Monument-Rundfahrt, bei der wir die beruehmten Monumente noch ein mal beleuchtet, angestrahlt, quasi "in bestem Licht" sehen sollten, noch mal frisch zu machen. Ausserdem wollte ich meine Shoppingtueten nicht mitschleppen :D Auf uns warteten also noch ein mal 2 Stunden vollgepackt mit wichtigen Gebaeuden, Saeulen und Statuen, die wir erstaunlicherweise vormittags noch nicht gesehen hatten, auch wenn ich der festen Ueberzeugung war, dass es viel mehr historisches in einer Stadt gar nicht geben kann. Genau genommen ja sogar nur in einem winzigen Teil der Stadt, weil man wie schon erwaehnt eigentlich ja alles innerhalb weniger Minuten erlaufen konnte. Und so liefen wir also durch das langsam einschlafende Washington...

Nach einem Wild-Berry-Mango Cocktail (bzw Saft, Alkohol ist ja hier erst ab 21 erlaubt) im Hard Rock Cafe zum Dinner machten wir uns auch relativ direkt auf den Weg zurueck in unsere Betten, statt noch grossartig feiern zu gehen - obwohl ich mir gefuehlte 20000 Party-Outfits mitgenommen hatte, weswegen mein Koffer kaum zu ging - schliesslich standen uns am naechsten Tag wieder 12 Stunden Busfahrt bevor. Letztendlich waren auch alle recht fertig, anstrengend war es ja doch irgendwo. Ich traeumte in dieser Nacht davon, eines Tages am Reflecting Pool zu sitzen und diese Stadt mein zu Hause nennen zu koennen. So viel stand fest - auch wenn es nur ein einziger Tag war, diese Stadt hatte mich gewaltig beeindruckt. Ich bin noch heute nahezu hingerissen von der atemberaubenden Architektur, den irgendwie befreiend wirkenden Gruenflaechen und Parks, die einem ueberhaupt nicht das Gefuehl geben, sich in einer Metropole zu befinden. Sobald ich Zeit und Geld habe, vorausgesetzt ich bekomme auch ein paar Tage Urlaub, werde ich noch ein Mal hier her zurueck kommen. Noch ein Mal alles in Ruhe auf mich wirken lassen. Ich weiss nicht, was ich immer an Hauptstaedten finde, die mit W anfangen. Wellington war ja schon wahnsinnig schoen, aber Washington toppt das bei Weitem!