Die Sucht nach Anerkennung

Warum wir es Anderen recht machen wollen und uns selbst dabei vergessen.

Neulich: "Ganz ehrlich, ist mir doch egal ob die mich mögen. Die kennen mich gar nicht. Warum sollte mich das interessieren?" Hmm, okay. Aber wenn es dir so egal ist - warum sagst du das dann alle 5 Minuten? Ich hab dich beim ersten Mal schon verstanden. Kann es sein, dass du das nur so oft wiederholst, weil du es eigentlich nicht mir, sondern vielmehr dir selbst versuchst einzureden...?

Menschen möchten Anderen gefallen, das ist wohl ein unwiderlegbarer Fakt. Nicht ohne Grund putzen wir wie ein Weltmeister wenn Besuch ansteht, ziehen uns auf der Suche nach dem perfekten Outfit morgens 5 mal um und haben bei jeder Kritik - so angebracht sie auch sein mag - hinterher immer ein mulmiges Gefühl. Uns ist wichtig was Andere über uns denken, dass man gemocht wird und Erwartungen erfüllt, egal ob im Job, der Partnerschaft oder auch innerhalb der Familie. Und egal wie überzeugt man davon ist, es wäre einem egal - keiner ist wirklich glücklich damit nicht gemocht zu werden. Das ist nur menschlich...
Denkt mal nach - ich wette jedem fällt jetzt mindestens eine Situation ein, in der er anders gehandelt hat als er es eigentlich gewollt hätte, nur um jemandem zu gefallen oder Erwartungen zu erfüllen. Die allseits bekannte Schwiegermutter-Situation zum Beispiel, oder ein Gespräch mit dem Chef, welches so gar nicht nach unseren Wünschen verlaufen ist.

Dieses Streben nach Beliebtheit ist in gewissem Maße gesund, kann aber auch Überhand nehmen und gefährlich werden. Wenn man zu sehr fixiert darauf ist es immer allen recht zu machen, wenn die Sucht nach Anerkennung und Lob regelrecht zur Droge wird und man sich von einem Kompliment zum nächsten hangelt, hört man irgendwann gänzlich auf sich selbst zu achten und schätzen.

Das witzige an der Sache ist - je mehr man versucht auf Krampf gefallen zu wollen, desto schlechter gelingt es meist. Denn mit der Achtung vor sich selbst und der eigenen Sichtweise und Meinung verliert man oft auch die nötige Überzeugung und das Feingefühl, um Anderen höflich und zuvorkommend die Wünsche zu erfüllen und dabei trotzdem noch eine gewisse Selbstachtung zu erhalten. Außerdem schießt uns hier eine weitere menschliche Eigenschaft entgegen - wir verachten diejenigen, die sich bei Anderen einschleimen. Die, die nie Nein sagen, immer nur nachplappern statt selbst aufzustehen und Kontra zu geben. Und genau das passiert irgendwann, wenn das Streben nach Anerkennung zur Sucht wird. Erst will man nur nett sein, dann läuft man hinterher wie ein Dackel.
Das Ganze ist ein Paradoxon in sich. Wir wollen gefallen. Aber gleichzeitig mögen wir die Leute, die eben genau das NICHT immer wollen. Die, die ihre eigene Meinung vertreten. Nicht mal unbedingt, weil wir ihrer Meinung sind und nur zu feige waren selbst aufzustehen. Sondern weil sie anders sind. Weil sie Mut haben. Sie schwimmen gegen den Strom und scheinen dabei immer noch so selbstsicher zu sein, dass es sie nicht im Geringsten kratzt, wenn jemand etwas gegen sie sagt. Doch so sympathisch das auch aufs Erste erscheinen mag - auch diese Einstellung ist nicht immer förderlich, vor allem im Job.

Doch was ist nun der angemessene Grad des Gefallen-Wollens? Wie schafft man es sich genau auf die richtige Ebene zu stellen, irgendwo zwischen Arschkriecher und Selbstverwirklicher?
Eine Formel dafür gibt es wohl nicht. Jeder muss selbst entscheiden, wann es besser ist den Mund zu halten und einfach mal 'Ja und Amen' zu den Dingen zu sagen, und wann man ruhig auch mal ein wenig gesunden Egoismus zeigen und sein eigenes Ding durchziehen sollte. Es wird wohl immer gewisse Situationen geben, da ist der Überlebenstrieb stärker als der Wunsch nach dem eigenen Willen (siehe Schwiegermutter oder Chef). Doch wenn das ständige Gefallen-Wollen Überhand nimmt und es uns sogar bei Menschen, die wir nicht mal kennen, schwer fällt zu akzeptieren, dass sie uns, aus welchen Gründen auch immer, nicht mögen, dann sollte man sich wohl doch mal Gedanken machen, ob man für sich selbst oder für Andere lebt.
Denn eins ist Fakt - meist sind es genau die, die öfter mal gegen den Strom schwimmen, bei denen dann alle Anderen aus Respekt und Angst vor Kritik versuchen, es ihm oder ihr recht zu machen. Und so wird man vom Gejagten zum Jäger.