Faszination Kykladen

Sonntag, 9 Uhr morgens. Draußen herrscht völlige Stille. Nur die Vögel zwitschern hin und wieder durch die Äste hindurch. Fast schon idyllisch. Bei dieser Ruhe ist es fast unmöglich hier in Stress zu verfallen. Ich habe zwar nur noch eine Stunde Zeit, lasse mich jedoch keineswegs aus der Ruhe bringen. Wozu auch. Heute geht es los - ich drehe dem Norden den Rücken zu und verabschiede mich erst mal für die nächsten 10 Tage in den Süden. Also genau genommen geht's heute erst mal in den Osten. Dank der wundervollen Bus- und Bahnverbindungen ist es einem finanziell eingeschränkten Menschen kaum möglich von Hamburg nach Frankfurt zu kommen, ohne für die nächsten 3 Jahre seines Lebens hoch verschuldet zu sein. Leider muss ich da aber hin. Hilft alles nix. Meine Anreise wurde also spontan einen Tag vorverlegt und so fahre ich nun heute schon nach Erfurt, um dann morgen nach Frankfurt weiter zu fahren, spare durch diesen Umweg tatsächlich Unmengen Geld und kann zusätzlich heute Abend noch mal mit der ganzen Nachbarschaft bei meinen Eltern grillen. Eine ziemlich glückliche Lösung für diesen miserablen Umstand.

Montag - die Reise geht weiter. In Frankfurt am Flughafen angekommen finde ich eine bunte Mischung aus Möchtegern-High-Society, Griechen und Menschen wie mir vor. Und weil's so schön ist, lässt uns Ryanair auch direkt noch eine Stunde im Flieger warten, bis wir dann endlich losfliegen.

Mykonos hieß mich mit einem strahlend orangen Sonnenuntergang willkommen. Für einen Moment fühlte es sich so an, als hätte diese Insel nur auf mich gewartet. Und jetzt war ich da. Nach dem ich meinen Handyakku wieder auf einen Stand gebracht hatte, mit dem er zumindest die Nacht überleben würde, lief ich direkt los - zielstrebig und planlos. Es war bereits 20:30 und so war die einzige Zielsetzung dieses Tages für's erste wohl nur noch, einen Schlafplatz für die erste Nacht zu finden. Leichter gesagt, als getan, wenn man campen will. Tatsächlich ist diese Insel bis auf den letzten Quadratmeter Privatgrundstück. Und auch wenn ich mich mit meinen Vorhaben schon jenseits der Grenzen des Legalen aufhielt, wollte ich es dann doch nicht zu sehr übertreiben. Ich lief also weiter. Es dauerte nicht lang um festzustellen - diese Insel ist perfekt! Wo Naturliebhaber behaupten mögen, es fehle ein wenig an Farbe, liegt in meinen Augen genau dort die Schönheit der Kykladen. Schlichte Eleganz. Nach einer Stunde Wanderung rollte ich meinen Schlafsack schließlich auf einem Felsen am Pinky Beach aus.

Der Dienstag begann mit Sonnenaufgang und unzähligen krähenden Hähnen. Ich hatte mir ein straffes Programm gesetzt - heute wollte ich die wichtigsten Ecken der Insel ablaufen. Sightseeing pur, denn schon am nächsten Tag wollte ich die Insel verlassen. Noch bevor Mykonos zum Leben erwachte, lief ich 8km von Ost nach West, hoch und runter, vorbei an Kato Mills, dem Old Port, Little Venice und verlief mich ein paar hundert mal in den wunderschönen weißen Gassen der Altstadt.

Die Challenge an diesem Trip ist eindeutig das Laden des Handys. Wer sitzt schon gerne mal eben 2h neben einer öffentlich zugänglichen Steckdose, die man ja auch erst mal finden muss... aber ohne Handy keine Fotos. Nachdem ich mir bereits am ersten Tag trotz Sonnencreme einen ordentlichen Sonnenbrand geholt hatte, musste ich zunächst aber erstmal bei diesem traumhaftem Wetter irgendwo Schatten finden, in dem man sich über die Mittagszeit aufhalten konnte. Auch nicht die einfachste Übung. Ein Sonnenschirm wäre da jetzt praktisch. Aber sowas gibt's hier nicht.

Noch bis in die Abendstunden hinein lief ich mit Sack und Pack durch die Stadt und verliebte mich mit jeder Minute ein kleines bisschen mehr.

Ein weiterer Tag ging nun also zu Ende. Ich liege mittlerweile auf einer Bank am Yachthafen und spüre überdeutlich die 20km, die ich heute über diese Insel geheizt bin. Auch mein Sonnenbrand macht sich langsam bemerkbar. Genauso wie die unzähligen Mückenstiche, die ich der vergangenen Nacht zu verdanken habe. Morgen geht es schon 8:15 Uhr auf die Fähre. Ich verlasse Mykonos nach einem Tag und zwei Nächten. Und tatsächlich muss ich sagen, so verliebt ich auch in diese Insel bin, dass die Zeit ausreichend war. Ich habe alles gesehen, was ich sehen wollte, lag ein paar Stunden am Strand, habe geiles Gyros gegessen, eine Lieblingsbäckerei gefunden und mich mehr als ausreichend oft in den süßen weißen Gassen der Stadt verlaufen. Vor dem Rückflug werde ich noch einen Tag hier sein, aber bis dahin kehre ich Mykonos nun erst einmal den Rücken zu. Nächste Station - Santorini.

Ich bin gespannt darauf, was es in mir für ein Gefühl auslösen wird, wenn ich morgen tatsächlich einen Fuß auf diese Insel setze. So lange habe ich davon geträumt, so viele Pläne geschmiedet... und doch war ich nie da. Ich habe ein mulmiges Gefühl bei der Sache. So sehr ich mich auch darauf freue, ein kleines bisschen Melancholie schwappt doch dabei mit. Immerhin ist dies der Ort, an dem ich meine Flitterwochen verbringen wollte. Ich wollte erst dann hier her kommen, wenn alles perfekt ist. Und jetzt... jetzt fahre ich als Backpacker ohne Mann und ohne die geplante Hochzeit auf diese Insel. Es ist alles, aber mit Sicherheit nicht perfekt.

Endlich angekommen - Thíra, Santorini.

Nach einer fast 6-stündigen Fährfahrt, die ich größtenteils damit verbrachte, Schlaf nachzuholen, erreichte ich 14 Uhr die Insel. Mit dem Public Bus ging es die Serpentinen hinauf nach Fira. Eigentlich wollte ich von hier aus direkt weiter nach Oía, aber irgendwas in mir sagte "Hey, schau dich doch erst mal hier um." - gesagt, getan. Dieser inneren Stimme verdanke ich es, dass ich hier, mitten auf der Insel, mein kleines Paradies gefunden habe. Ich habe mich praktisch im Vorbeigehen spontan für die nächsten Nächte in ein Hostel eingemietet, was schöner kaum sein könnte. Pool mit Meerblick, free WiFi, ein Dorm Room für mich alleine und das alles zu einem unschlagbaren Preis. Wie kann man da noch nein sagen?!

Nachdem ich nun den Rest des Tages am bzw im Pool verbracht habe, ist auch mein Sonnenbrand einem leichten braun gewichen und ich sehe langsam aber sicher tatsächlich nach Sommer aus. Einen kurzen Abstecher in die Stadt wollte ich noch wagen, bevor ich die Nacht tatsächlich in einem Bett verbringen würde.

Donnerstag 9 Uhr morgens - endlich ausgeschlafen! Noch immer kann ich nicht so richtig fassen, dass ich wirklich hier bin. Diese Reise bedeutet mir so viel, dass ich immer wieder in Gedanken versinke. Es ist mehr als nur Urlaub...

Auf dem Weg zum Frühstück beschließe ich heute nach Oía zu fahren und meiner Haut mal eine Pause von der Sonne zu gönnen. Noch mehr hätte mein Rücken wohl kaum noch ausgehalten. Mit dem Bus ging es also in die nördlichste und wohl auch bekannteste Stadt Santorinis.

Und wieder bin ich sprachlos. Diese Insel hält was sie verspricht! Ich weiß gar nicht wo ich zuerst hinschauen soll. Es ist unbeschreiblich, was für eine Ausstrahlung diese Stadt hat. Ich bin voller Emotionen und den Tränen nah. Mein Traum ist endlich wahr geworden...
Ich kann diese Schönheit kaum fassen. Gut möglich, dass ich hier am wohl schönsten Ort der Welt stehe... und das ganz allein. Zum ersten Mal sehne ich mich danach jemanden bei mir zu haben. Vorher wäre eine Begleitung vielleicht ganz nett gewesen, doch jetzt... Es dauert eine Weile, bis ich es okay finde, diesen Moment mit niemandem teilen zu können. Doch dann gibt es mir tatsächlich Kraft. Ich bin überglücklich hier... auch alleine.

"Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?" Sieht aus als wäre meine Antwort: Heute.

So feiere ich nun heute mit ein paar Brasilianerinnen mein Bergfest und damit auch das vorläufige Ende des Sightseeings. Ich habe mich zu sehr in diesen Ort verliebt, als dass ich ihn morgen schon wieder verlassen könnte. Bis Sonntag werde ich noch hier bleiben und mir von nun an jeden Tag gehörig die Sonne auf den Bauch scheinen lassen und im Pool Cocktails trinken. Nachdem ich in den vergangenen 3 Tagen fast 50km gelaufen bin, beginnt jetzt der entspannte Teil dieser Reise. Es ist so gut wie beschlossene Sache, dass ich nächstes Jahr wieder her kommen werde und somit ist es auch nicht schlimm, wenn ich mir die Inseln Paros und Naxos für die nächste Reise aufhebe. Und bis es so weit ist, werde ich wohl von nun an jede Nacht davon träumen...

Sonntag - Der Mensch ist und bleibt wohl ein Gewohnheitstier. Nach 4 Tagen auf Santorini werde ich nun tatsächlich in meinem Frühstücks-Café mit Namen angesprochen. Auch der Street Food Place kennt meine abendliche Bestellung inzwischen auswendig. Und das obwohl hier täglich tausende Menschen ein und aus gehen. Ein kleines bisschen heimisch fühle ich mich hier wirklich - vielleicht schlicht weil ich weiß, dass ich wiederkommen werde und weil mir die griechische Mentalität sowieso von Grund auf sympathisch ist. Aber so sehr mir das alles hier in den paar Tagen ans Herz gewachsen ist, heute ist es Zeit auf Wiedersehen zu sagen.

Zurück in Mykonos steht mir die letzte Camping-Nacht bevor. Noch auf dem Weg zurück vom Fährhafen in die Stadt finde ich meinen Schlafplatz und entdecke mit jedem Schritt die Schönheit dieser Insel wieder. Nach all den Eindrücken auf Santorini war das fast schon ein wenig in den Hintergrund gerückt. Unglaublich wie ruhig und entspannt, ja beinahe schon leer diese Insel auf ein mal ist, jetzt wo die Kreuzfahrtschiffe weg sind. Gefällt mir eindeutig besser so! Mein letztes mykonisches Abendessen gestaltet sich mit Risotto und Fußball WM Finale dieses Mal doch etwas spektakulärer als die vergangenen Abende.

Nun liege ich (mal wieder) relativ abgelegen auf einem Felsen am Meer rum, schaue in die Sterne und philosophiere so vor mich hin... Ich fange langsam wieder an mich selbst zu verstehen. Erst hier und jetzt merke ich, was mir all die letzten Monate so sehr gefehlt hat. Was ich durch alle möglichen Taten und Untaten versucht habe auszugleichen... Erst die Momente, in denen wir wirklich bedingungslos glücklich sind, zeigen uns wer wir sind und was wir zum Leben brauchen. Auch wenn ich gerade auf einem Felsen liege, von Insekten zerstochen werde und wohl morgen statt zu duschen wieder im Meer baden darf, habe ich keineswegs das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Im Gegenteil. Ich war in den vergangenen Monaten selten so glücklich wie jetzt. Und jetzt, wo mir das bewusst wird, bin ich tatsächlich für einen Moment den Tränen nahe. Eine Woche Freiheit liegt hinter mir. Eine Woche Ungebundensein, Sonne und Meer, eine Woche an einem Ort, an dem man von überall aus die Sterne sehen konnte. Eine Woche, in der ich keine Minute an das gedacht habe, was mir in Deutschland so oft schlaflose Nächte bereitet. Ich habe mich in diesen Tagen fast unbewusst von so vielen Lasten befreit und sehe so manches auf ein mal mit ganz anderen Augen. Ich habe durch diesen Trip wieder ein Stückchen zu mir selbst gefunden. Und mir ist wohl auch endlich bewusst geworden, dass ich viele Dinge, an die ich mich nich bis vor Kurzem geklammert habe, gar nicht brauche.

Ich genieße den Wind, der mir hier um die Ohren weht. Es wird wohl eine eher ungemütliche Nacht werden und irgendwie habe ich schon jetzt das Gefühl, dass ich wohl nicht sehr lange hier liegen bleiben werde. Doch das macht mir nichts. Ich bin froh über jede Minute, die ich an diesem Ort verbringen kann. Und wenn ich die Nacht durchmachen muss, dann ist das eben so. Zu sehr bin ich verliebt in diese Insel, in alles um mich herum... vor allem aber will ich den Menschen, der ich werde, wenn ich alles andere ausblenden und wieder ich selbst sein kann, noch nicht wieder loslassen...

In Momenten wie diesen wird mir immer wieder bewusst, dass ich viel zu lange versucht habe, mein Glück an einem Ort zu finden. Das bin einfach nicht ich. Ich gehöre raus in die Welt. Nur dann bin ich wirklich glücklich... es ist wichtig zu wissen, wo meine Wurzeln sind. Aber das sollte mich nicht daran hindern in alle Richtungen zu wachsen.